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 Eröffnung der Tagung
„Kollektive Intelligenz / Collective Wisdom“

Dr. med. Albrecht Mahr
vom 28. – 30. April 2006 in Würzburg


Veranstalter International Tagung "Kollektive Intelligenz" , Dr. med. Albrecht Mahr
ISAIL -Institut fur Systemaufstellungen und Integrative Losungen Wurzburg
FPA - Forschungsgruppe Politische Aufstellungen e.V und - FAB Friendship Across Borders e.V.

Wir waren über Ostern einige Tage im Urlaub und sind dort diesen Beiden begegnet – unseren freundlichen Begleitern und Schutzpatronen für diese Tagung:

Viele von Ihnen kennen sie: es ist der Erzengel Gabriel bei seiner Verkündigung der Geburt Jesu und rechts Maria als sie die Botschaft empfängt. Sie sind um 1280 geschaffen, und sie sind im Dom S. Peter in Regensburg zu finden. Der religiöse oder kunsthistorische Hintergrund spielt für mich hier keine Rolle – es könnten genauso gut jüdische oder buddhistische Gestalten oder einfach andere menschliche Gesichter sein - es kommt darauf an, was die beiden Engel - so nenne ich sie der Einfachheit halber – zum Ausdruck bringen: Freundlichkeit, Heiterkeit und Leichtigkeit.

Was haben diese Qualitäten unserer beiden Engel mit kollektiver Weisheit zu tun? Nun, kollektive Weisheit hat mit den Fragen zu tun, die uns wirklich am Herzen liegen. Ganz wie es im World Café heißt, das wir gleich miteinander praktizieren werden: Wir können es uns nicht leisten, unsere Zeit und unser Leben mit Fragen zu vertun, die unseren Geist nicht erfüllen und die nicht wirklich unsere Herzen berühren.

Und wir wissen das: was unsere Herzen wirklich berührt, lässt uns auch lächeln, und es hat oft die Qualität von Leichtigkeit; es schließt ganz natürlich unser Interesse an den Herzensangelegenheiten der anderen, unserer Mitmenschen ein; und unsere Herzensfragen bringen uns in Verbindung mit unserer natürlichen mitfühlenden Großzügigkeit und Einschließlichkeit gerade auch dem und denen gegenüber, die uns zunächst unvertraut, fremd oder gar abstoßend erscheinen.

Was ist kollektive Intelligenz?

Nun, was ist kollektive Intelligenz- das Thema unserer Tagung? Ich möchte nur einige wenige Merkmale nennen.

1. Bei kollektiver Intelligenz geht es um etwas scheinbar Paradoxes.
Kurzgefasst wird kollektive Intelligenz beschrieben mit: „Gemeinsam wissen wir mehr“. Wenn eine für uns alle wichtige Frage die Wirkung eines Attraktors annimmt und die Gruppe um sich versammelt, kann etwas Drittes, etwas Neues in unserer Mitte Gestalt annehmen, das mehr als die Summe aller Einzelnen ist und eine besondere Verbindung untereinander stiftet.

UND: während der oder die Einzelne etwas zurücktritt und Teil eines größeren Gemeinsamen wird, leuchtet sie oder er gleichzeitig in ihrer und seiner individuellen Einzigartigkeit, Unaustauschbarkeit und Besonderheit auf. Die bewusste Erfahrung kollektiver Weisheit und die bewusste Erfahrung, dabei ganz unverwechselbar wir selbst zu werden, sind ein Prozess und eine Bewegung.

Aus diesem Bewusstsein, diesem „Zusammen-Wissen“ – das lateinische Wort für Bewusstsein conscientia, englisch conscience enthält dieses con-scire, zusammen wissen – aus diesem „Bewusstsein aus Zusammen-Wissen“ also können tatsächlich in allen Lebensbereichen, vom Familiären bis zum Politischen, neue Lösungen möglich werden, die uns zunächst unvorstellbar schienen. (Übrigens: vielleicht versuchen wir, kollektive Weisheit auch dann zu entwickeln, wenn wir allein sind: wir führen Selbst-Gespräche – wir versuchen, zusammen mit einem andern Ich zu sprechen, zusammen mehr zu wissen!)

Beispiel: ein Bergführer erzählte mir vor einigen Jahren von einem Überlebenstraining mit einer Gruppe von 20 Teilnehmern in Kanada. Als eine Frau plötzlich hohes Fieber und schwerste Unterleibschmerzen bekam, sich kein Arzt in der Gruppe befand und die nächste Telefonstation mindestens 12 Fußstunden entfernt war, bat der Bergführer die Gruppe um folgendes: jeder sollte auf einen Zettel 2 Dinge schreiben: erstens die wahrscheinliche Diagnose und die Gefährlichkeit der Situation, und zweitens was zu tun ist. Die Zettel wurden dann vorgelesen und bei jedem Punkt wurde abgestimmt, bis die Entscheidung klar wurde. Wahrscheinliche Diagnose: akute Blinddarmentzündung mit unmittelbarer Lebensgefahr; zu tun war: Entfachen eines Waldbrandes nicht weit von einer Lichtung, Auslegen eines SOS-Zeichens mit den farbigen Anoraks der Teilnehmer, -beide Maßnahmen, um die Piloten überfliegender Flugzeuge aufmerksam zu machen und sie zur Weitergabe eines Notsignals zu veranlassen. Die Frau war innerhalb von 6 Stunden auf dem Operationstisch und konnte gerade noch gerettet werden. Der Bergführer kommentierte: alleine wäre ich niemals auf diese Idee gekommen!

2. Kollektive Weisheit kennt keine besonderen Experten –
es gibt nur Experten. Kollektive Weisheit kann viel leichter dort auftreten, wo wir es zulassen, die oft so hinderlichen Hierarchie-Grenzen oder die Grenzen durch ethnische oder religiöse Zugehörigkeit zu lockern oder ganz zu suspendieren.

Wir sind hier natürlich sehr glücklich über unsere vielen Referenten-Experten und neugierig auf ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Inspiration. Aber auf der Ebene von kollektiver Weisheit gibt es keine Bedeutungs- oder fachlichen Unterschiede, wir sind alle ebenbürtig – und das ist für uns alle eine schöne Herausforderung! Wenn wir dazu neigen, uns selbst eher kleiner und andere größer zu sehen, so können wir hier anfangen, damit zu spielen und diese Haltung aufzugeben. Wenn wir in Positionen sind oder dazu neigen, andere zu führen und anzuleiten, so können wir diese Fähigkeit hier dazu nutzen, die anderen zu Ebenbürtigkeit zu ermutigen und sie herauszufordern, ihr eigenes Potenzial zu kollektiver Intelligenz wahrzunehmen.

Vielleicht aber gibt es ja doch Experten in kollektiver Weisheit: das sind diejenigen, die ein besonders großes Vertrauen in kollektive Weisheit haben, und in die Möglichkeiten, sie zu fördern. Hier das Beispiel von einem solchen Experten, der mit einer liebevollen Bemerkung kollektive Weisheit in einem kleinen Unternehmen geweckt hat und es so vor dem Untergang bewahrt hat. Die Begebenheit betrifft Elemente, die für die Entfaltung kollektiver Intelligenz zentral sind:
Anerkennung und Wertschätzung von Unterschieden; und damit: Achtung und Respekt als Grundhaltung anderen gegenüber; und: Wertschätzung und Anerkennung auch der eigenen Würde.

Manche von Ihnen mögen diese Geschichte schon kennen:

Es ist die Rede von einem einstmals blühenden Kloster, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einer langen Periode des Niedergangs soweit dezimiert war, dass nur noch 5 Mönche in dem verfallenden Mutterhaus übrig waren, nämlich der Abt und vier Mönche, alle über 70 Jahre. Ganz klar handelte es sich um einen sterbenden Orden.

Dem Abt, der sich wegen des bevorstehenden Todes seines Ordens quälte, kam es einen Tages in den Sinn, die nahegelegene Einsiedelei eines alten Rabbi zu besuchen und ihn zu bitten, ob er vielleicht einen Rat wüsste, wie das Kloster zu retten sei. Alls der Abt den Zweck seines Besuches erklärte,
konnte der Rabbi nur seine Anteilnahme bekunden

„Ich weiß, wie es ist!“, rief er aus. „Der Geist hat die Leute verlassen. Es ist dasselbe in meiner Gemeinde. Fast niemand kommt mehr zur Synagoge.“ So weinten der alte Abt und der alte Rabbi mitein-ander. Dann lasen sie Passagen aus der Thora und sprachen leise von tiefen Dingen. Die Zeit kam für den Abt, Abschied zu nehmen. Sie umarmten einander. „Es war wunderbar, dass wir uns nach langer Zeit einmal wieder begegnet sind“, sagte der Abt, „aber trotzdem habe ich den Zweck meines Besuches nicht erfüllt. Gibt es nichts, was du mir sagen könntest, keinen Rat, den du mir geben kannst, der mir helfen könnte, meinen sterbenden Orden zu retten?“ „Nein, es tut mir leid“, antwortete der Rabbi. „Ich habe keinen Rat zu geben. Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass der Messias einer von euch ist.“

Als der Abt zum Kloster zurückkehrte, umringten ihn seine Klosterbrüder und wollten wissen: „Nun, was hat der Rabbi gesagt?“

„Er konnte mir nicht helfen“, antwortete der Abt. „Wir haben nur geweint und zusammen die Thora gelesen. Das einzige, was er sagte, als ich gerade im Begriff war, zu gehen – es war ziemlich geheimnisvoll – war, dass der Messias einer von uns ist. Ich weiß nicht, was er meinte.“

In den darauf folgenden Tagen und Wochen und Monaten sannen die alten Mönche darüber nach, und fragten sich, ob die Worte des Rabbi wohl irgendeine Bedeutung haben könnten.

Der Messias ist einer von uns? Könnte er womöglich gemeint haben, einer von uns Mönchen hier im Kloster? Wenn ja, welchen von uns? Glaubt ihr, er meinte den Abt? Ja, wenn er irgendeinen meinte, dann vermutlich den Abt. Er ist seit über einer Generation unser geistiger Führer.

Andererseits, er könnte auch Bruder Thomas gemeint haben. Gewiss ist Bruder Thomas ein heiliger Mann. Jeder weiß, dass Thomas ein Mann des Lichts ist.

Gewiss könnte er nicht Bruder Elred gemeint haben! Elred mit seinen schlechten Launen. Aber genauer besehen, auch wenn er den Leuten ein Dorn im Auge ist, Elred hat praktisch immer recht. Oft sehr recht. Vielleicht meinte der Rabbi tatsächlich Bruder Elred.

Doch sicher nicht Bruder Philipp. Philipp ist so passiv, ein richtiger Niemand. Doch andererseits, fast auf wundersame Weise, hat er eine Gabe, immer da zu sein, wenn man ihn braucht. Er taucht einfach wie durch ein Wunder an deiner Seite auf. Vielleicht ist Philipp der Messias.

Selbstverständlich meinte der Rabbi nicht mich. Keineswegs hätte er mich meinen können. Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Doch angenommen, er meinte mich? Angenommen ich bin der Messias?
Oh Gott, nicht ich. Ich könnte doch nicht so viel für Dich sein, oder? --

Wie sie in dieser Weise nachdachten, begannen die alten Mönche einander mit außerordentlichem Respekt zu behandeln, für den unwahrscheinlichen Fall, dass einer von ihnen doch der Messias wäre.

Und für den allerunwahrscheinlichsten Fall, dass jeder der Mönche selber der Messias sein könnte, begannen sie, auch sich selbst mit außerordentlichem Respekt zu behandeln.

Die seltenen Besucher des Klosters, so wird berichtet, begannen die Ausstrahlung dieses ungewöhnlichen Respekts zu spüren, die die fünf alten Mönche zu umgeben begonnen hatte und die ganze Atmosphäre an dem Ort zu durchdringen schien. Der Ort hatte etwas seltsam Anziehendes, ja Unwiderstehliches an sich.

Und so verwundert es vielleicht nicht, dass schließlich Novizen um Aufnahme baten und das Kloster dank des Rabbinergeschenkes im Laufe weniger Jahre zu neuem, pulsierenden Leben erwachte. —

Soweit diese Geschichte von den Experten, die wir alle sind.

Bitte betrachten Sie sich also für die Zeit unserer Tagung -und natürlich auch darüber hinaus! – in diesem Sinn als Fachleute, als Experten, die ihr ganz besonderes Potenzial zu gemeinschaftliche Weisheit hierher mitbringen.

In der Tagespolitik kann man oft beobachten, wie schwer es fällt, ein Expertenmonopol aufzulockern und es in viele Hände zu geben. Vor ca. 10 Tagen (Mitte April 2006) hat unsere deutsche Familienministerin mit der katholischen und der evangelischen Kirche Deutschlands ein so genanntes „Bündnis für Erziehung“ gestartet, um Eltern ausdrücklich „christliche Werte“ bei der Erziehung ihrer Kinder an die Hand zu geben. Es gab sofort Irritation bis Empörung bei den jüdischen und muslimischen Gemeinden, ebenso bei anderen Gruppen wie Lehrerverbänden oder bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, die sich von dieser wichtigen Frage der Wertevermittlung ausgeschlossen und damit entwertet fühlen. Gibt es so etwas wie „christliche Werte“ oder liegt in ihrer Behauptung, etwas überspitzt gesagt, nicht bereits eine subtile Kriegserklärung gegen „die anderen“, z.B. die anderen Religions-gemeinschaften?

Wie könnte ein alternatives Vorgehen von Seiten des Familienministeriums aussehen, das die größere Leistungsfähigkeit von kollektiver Lösungssuche bei dieser wichtigen Wertefrage nutzen würde? Zum Beispiel ein World Café mit TeilnehmerInnen, die alle wesentlichen Bevölkerungsgruppen einschließlich Kindern und Jugendlichen repräsentieren und gemeinsam z.B. der Frage nachgehen „ Nach welchen Werte möchte ich behandelt werden? Und wie kann ich dazu beitragen, dass alle anderen genau so behandelt werden?“

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Exkurs einfügen zu kollektiver Dummheit, Blindheit, Unterdrückung und Destruktivität. Das Wort „kollektiv“ hat für viele von uns bei den bis heute andauernden kollektiven Grausamkeiten vor allem der jüngsten Geschichte auch einen unheimlichen und erschreckenden Beiklang.

So lassen Sie mich für einen Moment fragen: was könnte aus uns, den ca. 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser Tagung, eine mehr oder weniger homogene, blinde und destruktive Masse machen? Wie lange Zeit wäre dazu nötig – Jahrzehnte, oder vielleicht nur Wochen, Tage oder gar Stunden? Und welche äußeren und inneren Umstände könnten dazu führen?

Viele Faktoren für eine solche Entwicklung sind ja bekannt: wirtschaftliche Not und Armut, die kollektive Demütigung z.B. nach verlorenen Kriegen, eine äußere Bedrohung wie bevorstehender oder bereits eingetretener Krieg, das damit einhergehende kollektive Bedürfnis nach starker charismatischer und quasi-religiöser Führung - und vieles mehr.

Ich möchte hier nur einen ganz alltäglichen Faktor nennen, der den Samen für kollektive Blindheit und Krieg in sich trägt: wir sehen „dort“ „die anderen“, die in unseren Augen etwas Befremdliches, Schlechtes oder Schädliches verkörpern oder tun.

Hier in unseren Kreisen sind solche „anderen-dort“ z.B. die religiösen Fundamentalisten, die Rechtsradikalen und die Neo-Nazis, die Terroristen, die Globalisierer, manchmal auch „die amerikanische Regierung“ etc. etc. – von der Ablehnung über ihre Entwertung und Verurteilung bis hin zu Wünschen und vermeintlich berechtigten Handlungen, sie zum Verschwinden zu bringen, sind es nur wenige Schritte, zu denen jede und jeder von uns in der Lage ist. Das haben nicht nur die kollektiven Verbrechen im letzten Jahrhundert erneut bewiesen sondern auch die erschreckend einfachen Experimente von Milgram und später von Zimbardo in den 70erJahren. Bei diesen Versuchen waren Menschen wie wir innerhalb von Stunden bzw. wenigen Tagen zu schweren Grausamkeiten gegenüber den Versuchspersonen bereit. Zimbardo’s Versuche wurden in letzter Zeit wieder unmittelbar bestätigt in Berichten über die sehr rasch eintretende Brutalisierung von Gefängnispersonal auf der ganzen Welt, nicht nur in Abu Ghraib.

Worauf ich hinaus will, ist dies: wir sind hier ja keine ganz besonderen Menschen, schon gar keine Versammlung von Heiligen. Wir alle neigen zum Be- und zum Verurteilen, mal ganz deutlich, oft nur subtil. Und mit jedem dieser Urteile nähren wir den Samen von Ausschluss und von kollektiver Blindheit. Das Be– und Ver-Urteilen betrifft oft zuerst uns selbst, und in der Folge dann auch viele andere.

Ich schlage also vor, dass wir für diese 3 Tage eine kleine Achtsamkeitsübung aufnehmen: dass wir immer wieder einmal innehalten und einfach wahrnehmen, wie wir uns selbst und andere jetzt eben sehen. Und wenn wir erkennen, dass wir zum Urteilen gegen uns selbst neigen oder gegen andere, können wir ein paar gute Atemzüge nehmen, etwas Freundlichkeit und Mitgefühl für uns und die anderen entwickeln, das Urteilen einmal für einen Moment ablegen und vielleicht die Erleichterung spüren, die damit verbunden ist. Das ist eine wunderbare kleine Übung und in summa ein ebenso wunderbarer kleiner Beitrag zu einem klugen Umgang mit dem kriegerischen Potenzial in uns und damit zu kollektiver Weisheit im besten Sinn.

3. Ein nicht immer ausdrücklich genanntes Element von kollektiver Intelligenz ist natürlich Gewaltlosigkeit.
Einerseits entspricht Gewaltlosigkeit unserer ursprünglichen Natur, unserm ursprünglichen Gut-Sein, wie die Buddhisten sagen. Es braucht aber, wie gesagt, nicht viel, um die Verbindung zu dieser inneren Klarheit aufzugeben und zu verlieren.

Dazu kann am berufensten Marshall Rosenberg sprechen – heute Abend nach der Abendpause - dessen Lebenswerk der gewaltfreien Kommunikation gewidmet ist. Ich möchte es aber nicht versäumen, eine der vielen Geschichten zu erzählen, die uns an die überraschenden Optionen erinnern, die wir im Leben so oft haben. Die Geschichte wird von Tom Atlee („The Tao of Democracy“) weitergegeben, der seine Lebensaufgabe der Förderung der von ihm so genannten „Co-Intelligenz“ gewidmet hat.

Hier die tatsächliche Begebenheit von einem Farmer in Indiana, der von den wilden Hunden seines neuen Nachbarn bedroht war, die seine Schafe anfielen und töteten. Die übliche Antwort von Schaf-Farmern auf solche Vorfälle besteht natürlich in gerichtlicher Verfolgung, in Stacheldrahtzäunen oder schließlich in Schusswaffen.

Der Mann hatte eine bessere Idee. Er schenkte den Kindern seines Nachbarn Lämmer als Haustiere. Die Nachbarn banden daraufhin ihre Hunde feiwillig an die Leine. Nach einer Weile entwickelte sich ein freundschaftlicher Kontakt zwischen den beiden Familien. —

Nun möchte ich wieder auf unseren gemeinsamen nächsten Schritt, das World Café zurückkommen. Peter Senge, der einigen von Ihnen vielleicht bekannt ist als ein besonders kluger und weitsichtiger Organisations-entwickler und ein sehr guter Kenner des World Café, sagt darüber: „Das World Café ist keine Technik. Es ist die Einladung dazu, miteinander auf eine Weise zu sein, die schon immer Teil unserer (ursprünglichen) Natur ist.“

Und Senge fügt hinzu: „Der dem World Café zugrunde liegende Zweck ist es, den wahren Wünschen des Größeren Ganzen Raum zu geben.“

Vielleicht klingt das zunächst zu groß oder zu abstrakt, gemeint aber ist folgendes: beim World Café geht es darum, unter freundlichen und angenehmen Bedingungen Gespräche zu führen, die uns wichtig sind und die uns berühren.

Nun, was berührt uns am Ende wirklich, was ist das? Ich glaube, es ist dies: dass wir herausfinden können, was wir an uns wertschätzen und lieben. Dass wir unseren eigenen Grenzen und Mängeln Mitgefühl entgegenbringen. Und dass wir mit diesem unserem Besten wie mit unseren Begrenzungen beitragen können zum Wohl anderer, ja zum Gemeinwohl. Wie Desmond Tutu sagt „Zum Gemeinwohl beizutragen ist im besten Eigeninteresse.“

Was zählt und uns berührt, hat also überhaupt nichts mit Geboten und Moral zu tun.

Ich erinnere mich zum Beispiel – und jeder hier hat solche Beispiele erlebt - an einen Reifenmonteur in den USA, der, nachdem wir stundenlang an einer einsamen Autobahn gewartet hatten, schließlich aus der Nacht mit einem winzigen Montagewagen auftauchte und den geplatzten Reifen unseres Wohnmobils wechselte: höchst konzentriert und so präsent, als hätte er eben eine überraschende neue Variante bei der Arbeit entdeckt, die er schon tausende mal ausgeführt hatte; und vor allem: er arbeitete voller Vergnügen und lachte andauernd.

Es geht also nicht um heroischen Altruismus o.ä., nein es geht um einfache Gesten des Interesses, der Anteilnahme, des Mitgefühls oder auch der Geduld dort, wo wir jetzt gerade sind – ob das in einem der gegenwärtigen Krisengebiete der Welt ist oder, wie wir hier, in einer Region, in der gerade Frieden herrscht. Um solche einfachen und zentralen Fragen geht es, die wir zu Anfang unserer Tagung im World Café stellen.

Die Tagung mündet und endet mit all ihren Strömungen im Community Council am letzten Tag. Im Community Council, der alten indianischen Stammestraditionen folgt, bildet sich die Ganzheit unserer Tagungsgemeinschaft in acht Grundhaltungen und Lebensperspektiven entsprechend den 8 Himmelsrichtungen ab. Mit den Worten von Ingrid Ebeling (die das World Café und den Community Council zusammen mit Andrea Steckert durchführt): „Aus diesen verschiedenen Perspektiven …. wollen wir dann gemeinsam auf die erlebte Konferenz schauen. Jetzt geht es darum, die vielfältigen Erlebnisse, die Ergebnisse, die persönlichen und kollektiven Erfahrungen der Tagung auf unsere spezifische Weise für die Gemeinschaft sichtbar zu machen und nach draußen in die Welt zu tragen.“

- ENDE -


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